CORPORATE FINANCE Nr. 01-02 31.01.2020 von Dr. Konrad Bösl

Obgleich zum Ende des Jahres der saudische Ölkonzern Saudi Aramco mit einem Emissionsvolumen von 25,6 Mrd. USD ohne Greenshoe den bisher größten Börsengang vollzog, war der Markt für Neuemissionen 2019 weltweit deutlich schwächer als im Vorjahr. Schlimmer noch, einige von großen Erwartungen begleiteten Neuemissionen bescherten den Anlegern erhebliche Kursverluste. Mit nur vier Börsengängen brach die Neuemissionstätigkeit in Deutschland gegenüber dem Vorjahr um rd. 76% überproportional stark ein. Drei Börsenkandidaten mussten während der Platzierungsphase ihr Vorhaben aufgeben. Sieben Börsenkandidaten zogen den bereits bekannt gegebenen Börsengang zurück. Man kann mit Sicherheit davon ausgehen, dass die Anzahl der verschobenen oder endgültig aufgegebenen Börsenpläne noch deutlich höher liegt.

I. Schwieriges Umfeld und überzogene Bewertungen belasten den Markt für Neuemissionen in 2019

Die weltpolitischen und weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen lagen dem Markt für Neuemissionen in 2019 wie ein Mühlstein um den Hals. Dennoch wäre es zu einfach, die schwache Neuemissionstätigkeit allein mit den Rahmenbedingungen zu begründen, zumal weltweit alle wichtigen Indices an den Sekundärmärkten deutlich zugelegt haben. Dies führt zu dem Schluss, dass die Unternehmensbewertung bei Neuemissionen in 2019 oftmals überzogen waren.1 Zudem belastete die schlechte Performance einiger mit großen Erwartungen und großer Medienpräsenz verbundenen Börsengänge aus dem Technologiesektor die Neuemissionstätigkeit. Allen voran der am 10.05.2019 stattgefundene Börsengang des Mobilitätsdienstleisters Uber, der als Börsengang des Jahres angekündigtwurde. Bereits das Emissionsvolumen von 8,1 Mrd. USD lag deutlich unter den Erwartungen. Am Tag der Erstnotierung schloss die Aktie mit 7,6% unter dem Ausgabepreis von 45 USD. Am Ende des zweiten Handelstags belief sich der Kursverlust auf über 19%. Mit einem Kurs von 29,74 USD notiert die Aktie am letzten Handelstag des Jahres knapp 34% unter dem Ausgabepreis. Wenige Wochen vor Uber erlöste dessen Wettbewerber Lyft am 29. März 2,2 Mrd. USD. Der Ausgabepreis lag bei 72 USD, der Jahresschlusskurs bei 43,02 USD und damit 37,5% unter dem Ausgabepreis. Schließlich belastete im zweiten Halbjahrdas Desaster um den Börsengang des Coworking-Start-up WeWork das Vertrauen der Investoren massiv. Während dasUnternehmen im Januar 2019 noch mit rd. 47 Mrd. USD bewertet wurde, lag die Bewertung zum avisierten Börsengang im Oktober nur noch bei etwa 20 Mrd. USD. Nach der Absage des Börsengangs entpuppte sich der hochgejubelte Börsenkandidat1 Vgl. Kuckelkorn, Einfach zu teuer, Börsen-Zeitung vom 13.12.2019 S. 1. als Sanierungsfall. Erst das massive Eingreifen des Hauptaktionärs Softbank rettete die Gesellschaft vor der Insolvenz.2Weltweit kam es im Jahr 2019 zu 1.115 Neuemissionen. Das sind rd. 19% weniger als im Vorjahr. Das Emissionsvolumen lag bei rd. 198 Mrd. USD (-4%). Ohne den Rekord-Börsengang von Saudi Aramco mit einem Platzierungsvolumen von 25,6 Mrd. USD (ohne Greenshoe) wäre das Emissionsvolumen allerdings um gut16% niedriger als im Vorjahr ausgefallen. Deutlich schwächer als im Vorjahr war die Neuemissionstätigkeit in Europa mit 143 Börsengängen (-37%) und einem Emissionsvolumen von 23 Mrd. USD (-39%). Einen überproportional starken Einbruch bei Neuemissionen3 gab es in Deutschland. An der Frankfurter Wertpapierbörsefanden gerade einmal vier Neuemissionen4 statt, davon jew. zwei im 2. Quartal und im 3. Quartal. Drei Neuemissionen ließen sich im Prime Standard und eine im General Standard notierten. Einen erfolgreichen Börsengang eines kleineren oder mittleren Unternehmens gab es nicht. Das Emissionsvolumen belief sich in Deutschland auf 3,6 Mrd. € (Vorjahr 11,25 Mrd. €) und war damit noch das zweitgrößte in Europa. Im Vergleich zum Vorjahr ist der Einbruch der Neuemissionstätigkeit in Deutschland allerdings erheblich. Bei der Anzahl der Neuemissionen betrug der Rückgang mehr als 75% und beim Emissionsvolumen rd. 68%. 2019 war damit in Deutschland das schwächste Neuemissionsjahr seit der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise 2009.

II. Charakteristika der Neuemissionen in Deutschland

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